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Was macht ein Homöopath?

Viele haben nur diffuse Vorstellungen davon, was ein Homöopath macht
(Bildquelle: Edwin P M auf Pixabay)

Eine Step-by-Step-Beschreibung anhand eines konkreten Fallbeispieles: Husten.

 

Ja, was macht eigentlich ein Homöopath? Viele denken, dass Homöopathie ganz einfach sei: Bei Blutergüssen und Prellungen gibt man Arnica, bei Verletzung von nervenreichem Gewebe (z.B. den Fingerspitzen) Hypericum, bei Insektenstichen Ledum oder Apis. Selbstanwender machen mit dieser Art von Homöopathie, der sogenannten klinischen Homöopathie, vor allem bei kleineren und unkomplizierten akuten Beschwerden gute Erfahrungen. Deswegen ist die Homöopathie in Deutschland auch so beliebt: Laut einer Allensbach-Umfrage haben rund 60% der Deutschen schon homöopathische Arzneimittel eingenommen, fast 90% der Anwender berichten von positiven Erfahrungen mit Homöopathie. Aber wenn Homöopathie so einfach ist - warum braucht es dann überhaupt professionelle Homöopathen? Was macht ein Homöopath genau? Wie arbeitet ein Homöopath?

 

Warum braucht man Profi-Homöopathen?

Stethoskop - unverzichtbares Werkzeug für Heilpraktiker und Ärzte
(Bildquelle: Bruno Glätsch auf Pixabay)

Vorneweg: Es gibt viele Erkrankungen, bei denen es von Haus aus nicht empfehlenswert oder sogar gefährlich ist, sich selbst zu behandeln, anstatt zum Heilpraktiker oder zum Arzt zu gehen. Aber abgesehen davon: Der Grund, warum es professionelle Homöopathen braucht, ist der, dass Homöopathie leider nicht immer so einfach ist wie in den obigen Beispielen. Bei einem Bluterguss nach Prellung sind die Symptome eindeutig und fast immer die gleichen: ein blauer Fleck und Prellungsschmerz, der bei Druck schlimmer wird. Eben klare Arnica-Symptome.

 

Bei anderen Erkrankungen sieht es ganz anders aus. Zum Beispiel Husten: Husten kann tief sein, bellend, rasselnd, trocken, keuchend, krampfartig, in langen Anfällen oder in vereinzelten Hustenstößen, mit blassen Gesicht oder mit rotem oder gar blauem Gesicht, mit oder ohne Auswurf und vieles mehr - es gibt nicht den einen Husten, sondern so viele verschiedene Hustenformen!

 

Deswegen brauchen wir auch viele verschiedene homöopathische Arzneimittel gegen Hustenbeschwerden. Das grobe Raster der klinischen Homöopathie funktioniert hier oft nicht gut. D.h es müssen einige Arzneimittel "ausprobiert" werden, bis man mal ein passendes gefunden hat - wenn man überhaupt eines findet. Auch chronische Krankheiten, die naturgemäß langwieriger und komplexer sind, reagieren aus dem selben Grund oft nicht auf klinische Homöopathie. Hier braucht es eine andere Arbeitsweise, die genau auf das individuell vorliegende Krankheitsbild abzielt. Eben nicht ein Arzneimittel für alle Krankheiten gleichen Namens, sondern für jeden Patienten und seine individuelle Erscheinungsform der Krankheit ein individuell passendes Homöopathikum. Danach zu suchen ist, was ein Homöopath tut.

 

Wie er das tut, das möchte ich Ihnen an einem echten akuten Fallbeispiel aus meiner Regensburger Praxis zeigen: an einem Mädchen mit Husten. Ich zeige Ihnen, was die klinische Homöopathie zu diesem Fallbeispiel sagen würde und wie zielgenau ein Homöopath diesen Husten-Fall mit klassischer Homöopathie angehen kann.

 

Klassische Homöopathie und andere Homöopathie-Varianten

Vorher noch eine Anmerkung: Ich erkläre hier, wie ich und viele andere klassische Homöopathinnen und Homöopathen vorgehen. Es gibt zwar andere Therapieformen, die ebenfalls die Homöopathie im Namen führen, aber recht wenig mit den Prinzipien der Homöopathie zu tun haben, z.B. die Kreative Homöopathie, Komplexmittel-Homöopathie, Neue Homöopathie etc. Für diese kann ich hier nicht sprechen. Mit "klassischer Homöopathie" bezeichne ich in diesem Artikel der Einfachheit halber alle Formen der Homöopathie (inklusive Genuine Homöopathie und Predictive Homoeopathy), die sich auf die Grundsätze der Homöopathie berufen: 
  • Ermittelung der Symptome über das Patientengespräch und die körperliche Untersuchung
  • individuelle Auswahl eines Arzneimittels aufgrund seiner Ähnlichkeit zu den Symptomen des Patienten
  • Verschreibung eines einzelnen Arzneimittels (also keine Komplexmittel-Mischungen).

Überblick: Wie ist die Vorgehensweise eines Homöopathen?

 Bevor wir die Vorgehensweise anhand eines konkreten Fallbeispiels Schritt für Schritt durchgehen, hier zuerst ein Überblick:

  1. Die Erstanamnese (auch: Erstgespräch): Damit bezeichnen wir das Gespräch mit dem Patienten inklusive der körperlichen Untersuchung. Ziel ist es, ein möglichst genaues Bild von den Beschwerden des Patienten zu bekommen und Heilungshindernisse zu erkennen.
  2. Die Analyse: Ich versuche als Homöopath, das vorliegende Krankheitsbild zu verstehen und die wichtigen Symptome, die mir bei der Suche nach einem passenden Arzneimittel helfen, herauszufiltern. Ziel dieses Arbeitsschrittes ist es, dass ich wirklich verstehe, woran der Patient leidet und was hier wichtig ist.
  3. Die Repertorisation: Die in der Analyse herausgefundenen wichtigen Symptome schlage ich dann in einem sogenannten "Repertorium" nach. Ziel ist es, diejenigen Arzneimittel herauszufinden, die für die Beschwerden des Patienten in Frage kommen.
  4. Das Arzneimittelstudium (auch: Materia-Medica-Abgleich): Nun muss ich in einer Arzneimittellehre, also einer detaillierten Beschreibung der Wirkungen der homöopathischen Arzneimittel, diese Arzneimittel einzeln nachlesen. Ziel ist es, dasjenige herauszufinden, das am besten passt.
  5. Die Verschreibung & Beratung
  6. Die Folgeanamnese (auch: Folgegespräch) & Verlaufsbeurteilung

Die Arbeitsweise Schritt für Schritt

Schauen wir uns nun diese Arbeitsschritte am konkreten Fallbeispiel an. Die Mutter einer meiner kleinen Patientinnen ruft mich an, weil die Kleine - nennen wir sie einfach mal Mona - krank ist. Mona ist sieben Jahre alt und ein recht aufgewecktes und schlaues Mädchen. Sie war bei mir immer wieder mal wegen diverser Hautprobleme in Behandlung. Die Mutter ruft an, weil Mona Husten hat.

 

Arbeitsschritt 1: Die Anamnese - welche Symptome hat die Patientin?

Im Anamnesegespräch erzählt die Patientin von ihren Symptomen.
(Bildquelle: Pezibear auf Pixabay)

Im Anamnesegespräch versuchen wir Homöopathen, ein möglichst genaues Bild von den Beschwerden zu bekommen. Üblicherweise tun wir das im Gespräch und, wo nötig, mittels einer körperlichen Untersuchung. Dafür lassen wir den Patienten zuerst spontan über seine Erkrankung berichten. Das nennen wir den "Spontanbericht". Danach folgen unsere Fragen, um die Schilderung des Patienten zu präzisieren - der "gelenkte Bericht". Am Ende des Anamnesegesprächs wäre es gut, wenn wir zu jeder Beschwerde Antworten auf die sechs W-Fragen hätten:

  • Wer hat die Beschwerden? Das ist die Frage nach der Persönlichkeit, den generellen Eigenschaften des Patienten, seinem Temperament, also insgesamt seiner Individualität. Vor allem bei chronischen Erkrankungen ist das wichtig, aber auch um zu erkennen, ob sich die Eigenschaften des Patienten im Verhältnis zu der Zeit vor der Erkrankung verändert haben.
  • Was für Beschwerden hat der Patient ganz genau?
  • Wo sitzen die Beschwerden? Welche anderen Symptome begleiten die Beschwerden? Anders formuliert: Gibt es Symptome, die gleichzeitig mit der Haupt-Erkrankung aufgetreten sind?
  • Warum sind die Beschwerden aufgetreten? Gibt es irgendwelche Auslöser?
  • Was bessert oder verschlechtert? Was erleichtert die Beschwerden oder verschlimmert sie?
  • Wann ändern sich die Beschwerden? Gibt es z.B. Tageszeiten, an denen die Beschwerden regelmäßig schlimmer werden?

Zusätzlich müssen wir Heilungshindernisse und krankheitserhaltende Ursachen herausfinden. Gerade bei langwierigen Erkrankungen kann es nämlich sein, dass ein Patient deswegen nicht gesund wird, weil es die Umstände nicht erlauben. Das kann eine mangelhafte Ernährung sein, auch übermäßiger und anhaltender Stress, permanenter Streit in der Beziehung oder Schimmel im Schlafzimmer. Das müssen wir herauszufinden, weil sonst auch das beste Arzneimittel nur wenig bewirken kann, wenn die Umstände diesen Menschen krank halten.

Im Fall dieses Mädchen spreche ich erst mit der Mutter. Eine körperliche Untersuchung ist hier nicht möglich, weil das Gespräch ja per Telefon stattfindet. Hier ist schon mal wichtig: Wenn ich aus den Schilderungen der Mutter den Eindruck gehabt hätte, dass das Mädchen ernsthaft erkrankt oder gar in einem bedrohlichen Zustand sein könnte, hätte ich die beiden trotz der Entfernung (sie wohnen etwa 45 Minuten entfernt) einbestellt oder zur Abklärung gleich zum Arzt geschickt.

Die Mutter erzählt Folgendes: Mona hat seit 2 Wochen Husten mit wahnsinnig viel Schleim. Man hört den Schleim beim Husten, aber sie kann ihn nicht abhusten. Dabei ist sie aber ziemlich fit, und zwar so fit, dass ihre Lehrerinnen schon meinen, sie würde simulieren. Sie hustet nämlich eine ganze Weile gar nicht, dann plötzlich geht es los, dann aber gleich für ein paar Minuten, dann ist der Spuk vorbei und sie macht nicht den geringsten Eindruck einer Kranken.

Das war alles. Das sind nicht viele Symptome. Mit Fragen (gelenkter Bericht) bekomme ich ein bisschen mehr heraus: Der Husten klingt tief und rasselt laut. Er beginnt mit einem Kitzeln im Hals. Die Hustenanfälle enden erst nach 3-4 Minuten. Wenn sie etwas trinkt, wird der Husten leichter, besonders Lauwarmes bessert etwas. Während des Hustens ist sie rot im Gesicht. Nach dem Husten hat sie Bauchweh. An dieser Stelle spreche ich kurz mit dem Mädchen selbst und bitte sie, mit dem Finger zu zeigen, wo genau am Bauch es weh tut. Ich habe mir angewöhnt, Kinder immer auf die schmerzende Stelle am Bauch zeigen zu lassen, da sie oft noch nicht deutlich zwischen Bauch und Brust unterscheiden. Mona zeigt auf die Nabelgegend (die Mutter bestätigt mir dies). Sie hat kein Fieber und fühlt sich nicht krank. Aber sie scheint etwas zu frösteln, denn sie verlangt öfter nach einer Wärmflasche. Einen konkreten Auslöser gibt es nicht. Wahrscheinlich ist es einfach ein Infekt, wie ihn zur Zeit viele haben. Ansonsten ist sie wie immer und es gibt keine weiteren Symptome oder Auffälligkeiten.

Die Frage nach Heilungshindernissen ist hier nicht relevant, denn der Infekt dauert erst 2 Wochen, was durchaus noch im Rahmen liegt.

Arbeitsschritt 1 war also nicht besonders ergiebig. Bezogen auf die sechs W-Fragen haben wir Folgendes:
Wer: Ein Mädchen, dessen Persönlichkeit und Grundeigenschaften sich durch die Krankheit nicht verändert haben. Eventuell ist sie frösteliger, aber das könnte auch an den herbstlichen Temperaturen liegen.
Was: Ein tief klingender, rasselnder, aber dennoch unproduktiver Husten ohne Auswurf, der in Anfällen auftritt. Viel Schleim in der Brust. Danach Schmerzen in der Nabelgegend.
Wo: In der Brust und im Rachen, auch im Kehlkopf.
Welche Beschwerden begleiten: Es gibt keine weiteren Beschwerden.
Warum: Einen konkreten Auslöser gibt es wohl nicht.
Was bessert/verschlechtert: Lauwarmer Tee bessert etwas.

 

Arbeitsschritt 2: Die Analyse - was hat die Patientin und welche Symptome sind wichtig?

Zur homöopathischen Fallanalyse braucht man das richtige methodische Werkzeug.
(Bildquelle: Deborah Breen Whiting auf Pixabay)

In diesem Arbeitsschritt gilt es, das vorliegende Symptombild zu verstehen und die wichtigen Symptome, die mir bei der Suche nach einem passenden Arzneimittel helfen, herauszufiltern. Dabei hilft mir eine Diagnose sowie Symptome, die besonders ausgeprägt sind, aber auch Symptome, die zur Diagnose nicht so recht passen wollen. Als klassischer Homöopath muss ich die Erkrankung bzw. die zugrundeliegende Pathologie verstehen und muss erkennen, welche Symptome hier wichtig sind und welche ich vernachlässigen darf, bevor ich verschreiben kann.

 

Um diese Prioritäten herauszuarbeiten kann man verschiedene "Werkzeuge" verwenden, etwa die Methode nach Bönninghausen, Jahr, Boger, Kent, Vijayakar oder das Symptomenlexikon. Ziel dieses Arbeitsschrittes ist es also, dass ich wirklich verstehe, was dem Patienten fehlt und welche Symptome mich zum richtigen Arzneimittel führen können. Das ist manchmal (wie in diesem Fallbeispiel) ganz einfach, gerade aber bei langwierigen chronischen Krankheiten oder bei mehrfach chronisch Erkrankten oft sehr schwierig. Es braucht viel Wissen und Erfahrung. Aber nur so kann man einigermaßen präzise verschreiben.

Wer mit klinischer Homöopathie arbeitet, würde aus der Diagnose (also z.B. aus dem Beschwerdenamen "Husten" oder der Diagnose "Bronchitis") sofort ein oder mehrere Arzneimittel ableiten, diese noch nach ein oder zwei Leitsymptomen differenzieren und dann sofort verschreiben. In diesem Fall würde ein klinischer Homöopath ein Hustenmittel suchen. Dabei wird meist unterschieden zwischen Mitteln für trockenen Husten und für rasselnden oder produktiven Husten.
Welchen Husten hat Mona? Er ist rasselnd, aber ohne Auswurf, also nicht produktiv. Bei den Mitteln mit rasselndem Husten kämen in Frage: Antimonium tartaricum bei sehr verschleimten Luftwegen, wenn man zu schwach ist, den Schleim abzuhusten. Schwach ist Mona gar nicht, der Schleim ist wohl einfach nur sehr zäh. Oder Hepar sulfuris bei lockerem Husten, der bis zum Würgen und Erbrechen führen kann, und bei starker Empfindlichkeit auf kalte Zugluft. Das hat Mona auch nicht. Dann gibt es noch Ipecacuanha bei starkem Schleimrasseln mit Übelkeit, evtl. mit Würgen und Erbrechen.
Und so geht es weiter: Mona hat einfach keine Symptomenkombination, die eindeutig auf eines der Hustenmittel hinweisen würde! Die klinische Homöopathie nützt uns in diesem Fall nichts.

Versuchen wir, den Fall zu verstehen (was hier nicht schwierig ist): Wir haben ein Mädchen, das sich wahrscheinlich einen akuten Infekt eingefangen hat, der sich auf die Bronchien gelegt hat und sich nur in einem Husten äußert - kein Fieber, kein Krankheitsgefühl, kein Schnupfen, kein Kopfweh. Auffällig ist die starke Schleimbildung - das Schleimrasseln ist für die Mutter deutlich hörbar und sie hat es im Gespräch mehrmals betont. Der Husten kommt in länger andauernden Anfällen. Die Besserung durch Lauwarmes ist nicht deutlich, das Frösteln bei einem Infekt normal. Auch die Bauchschmerzen - vermutlich ein Schmerz der Bauchmuskeln wegen der Anstrengung des Hustens - sind nach Hustenanfällen nichts Ungewöhnliches und hier auch nicht übermäßig stark. Diese Symptome sind also entweder zu schwach oder schlicht normal bei dieser Art von Krankheit, wir verwenden sie deswegen nicht. Vielleicht können wir das Kitzeln im Hals benutzen, falls wir noch ein Unterscheidungskriterium brauchen.

Ungewöhnliche Symptome haben wir hier gar nicht.

Ergebnis der Analyse: Wir suchen also nach einem homöopathischen Arzneimittel, das passend ist zu einem Infekt, der sich hauptsächlich durch Husten in Anfällen äußert und viel Schleim in der Brust produziert.

Bei einem chronischen Fall wäre die Analyse viel aufwändiger, weil viel mehr Symptome berücksichtigt und priorisiert werden müssen. Deswegen ist dies auch der Arbeitsschritt, bei dem man die meisten Fehler machen kann.

 

Arbeitsschritt 3: Die Repertorisation - welche Arzneimittel passen zu den Beschwerden?

Nun gehen wir daran, die in der Analyse herausgefundenen wichtigen Symptome in einem sogenannten "Repertorium" nachzuschlagen. Ein Repertorium ist ein Symptomenverzeichnis: Zu jedem Symptom (im Repertorium eine sogenannte "Rubrik") werden dort diejenigen Arzneimittel angegeben, die in einer Arzneimittelprüfung am Gesunden dieses Symptom mindestens einmal erzeugt haben und/oder dieses Symptom an Kranken geheilt haben. Oder anders formuliert: Ein Repertorium zeigt mir zu jedem Symptom, das dort eingetragen ist, die in Frage kommenden Arzneimittel.

 

Hier ein Beispiel für eine Rubrik, die das Symptom "Der Husten wird ausgelöst durch ein Kitzeln im Hals" abbildet:
Homöopathische Rubrik "Husten erregt von Kitzel in den Luftwegen" aus Jahrs Handbuch der Hauptanzeigen
Rubrik aus jRep, Modul "G.H.G. Jahr: Handbuch der Hauptanzeigen" (Bildquelle: Screenshot jRep)
Synthesis, das Repertorium des Hahnemann-Instituts
Das Synthesis, eines der großen, modernen Repertorien (Bildquelle: Eigenes Archiv)

Leider findet man nicht jedes Symptom in den Repertorien und die Einträge dort sind auch nicht immer verlässlich. Gerade die großen modernen Repertorien wie das Synthesis oder das Complete Repertorium sind zwar sehr reich an Symptomen, enthalten aber viele Fehler.

 

Früher hat man Repertorien in Buchform benutzt, heute gibt es diese Repertorien auch als Software. Ich benutze drei Programme: jRep, Complete Dynamics und Radar. Jedes davon hat seine Vor- und Nachteile. Das Praktische daran ist, dass man nicht mehr mühsam blättern muss, sondern relativ schnell per Suchfunktion Symptome findet, die wichtigen Symptome per Klick auf ein Analyseblatt befördert und die Software dann die in Frage kommenden Arzneimittel in einer Tabelle anzeigt (sortiert nach Abeckung der Symptome). Man bekommt so einen schnellen Überblick, welche Arzneimittel in die engere Wahl kommen.

 

Im Fall von Mona habe ich zwei Probleme: 
Zuerst einmal sind die Symptome nicht besonders aussergewöhnlich, fast "Allerweltssymptome". Die modernen Repertorien geben zu Allerweltssymptomen immer sehr viele Arzneimittel an - so viele, dass man  nach dem Repertorisieren immer noch zig Arzneimittel zur Auswahl hat. Ich brauche jedoch eine kleine, dafür aber verlässliche Auswahl von Mitteln. Oder anders gesagt: Welche Arzneimittel sind besonders gut geeignet bei Infekten mit rasselndem Husten ohne Auswurf? 
Das zweite Problem ist: Monas Mutter hat mich drei Tage vor meinem Urlaub angerufen. Ich habe also nur einen, im günstigsten Fall zwei Versuche, um ein passendes Arzneimittel zu finden. Treffsicherheit ist gefragt.
Deswegen entscheide ich mich dafür, kein modernes Repertorium zu verwenden, sondern ein rund 170 Jahre altes von G.H.G Jahr, einem Schüler und Mitarbeiter von Samuel Hahnemann. Warum das? Nun, sein "Handbuch der Hauptanzeigen" löst meine beiden Probleme auf einen Schlag: Es enthält kleinere Rubriken mit relativ wenigen Arzneimitteln. Und zwar nur diejenigen Arzneimittel, die besser auf ein Symptom passen als andere Arzneimittel. Das heißt, dass es sehr verlässlich ist und ich am Ende eine kleine, feine Auswahl an möglichen Homöopathika haben werde. Ich habe damit bei akuten Erkrankungen sehr gute Erfahrungen gemacht.
Wie übersetze ich nun Monas Symptome in die Repertoriumssprache des Buches von Jahr?
Zur Erinnerung, wir wollen diese drei wichtigen Symptome repertorisieren:
  • Infekt, der sich speziell durch Husten äußert
  • Schleimrasseln beim Husten
  • Anfallsartiger Husten

Früher wurden Krankheiten, die mit erhöhter Temperatur, Schweiß, Hitze oder Frost einhergingen, "Fieber" genannt. Heute würden wir es vielleicht "Infekt" oder "Infektionskrankheit" nennen. Mona fröstelt und hat in diesem Sinne auch ein "Fieber", auch wenn sie keine erhöhte Temperatur hat. Die passenden Rubriken und die Software-Auswertung sehen damit so aus:

Homöopathische Auswertung mit Husten-Rubriken
Auswertung mit den wichtigsten Rubriken des Hustens (Bildquelle: Screenshot jRep)

Schon ein erster Überblick über die Tabelle zeigt uns, dass auch viele Hustenmittel nach vorne kommen, an die auch ein klinischer Homöopath gedacht hätte: Ip (Ipecacuanha), Acon (Aconitum), Dros (Drosera), Hep (Hepar sulfuris). Wir sehen aber sofort: Hepar sulfuris (siehe oben) deckt laut Jahr das Schleimrasseln nicht besonders gut ab, sonst wäre es in der Rubrik "Husten - Hustenbeschwerden - Schleimrasseln" enthalten. Auch andere bekannte Hustenmittel wie Aconitum und Drosera haben dieses Symptom nicht so deutlich wie die ersten fünf Arzneimittel in der Tabelle.

Nur diese ersten fünf Mittel decken alle Symptome ab: Belladonna, Nux vomica, Ipecacuanha, Pulsatilla und Conium. Wie finde ich nun heraus, welches der Mittel das beste für Mona ist?

Ich könnte in die weiter oben gezeigten Rubrik "Husten - erregt von Kitzel in den Luftwegen" schauen. Aber die ist mit 60 Arzneimitteln relativ groß und dummerweise sind da alle fünf Arzneien enthalten. Die die Rubrik hilft uns also nicht beim Aussortieren.

Es bleibt also nur der nächste Schritt ...

 

Arbeitsschritt 4: Das Arzneimittelstudium (auch: "Materia-Medica-Abgleich") - welches Arzneimittel ist es denn nun?

Beim Materia-Medica-Abgleich müssen die in Frage kommenden Arzneimittel verglichen werden
(Bildquelle: Free-Photos auf Pixabay)

Die Repertorisation hat uns Hinweise gegeben, welche Arzneimittel in Frage kommen. Nun müssen wir in einer Arzneimittellehre (lat. Materia Medica), also einer detaillierten Beschreibung der homöopathischen Arzneimittel, diese Arzneimittel einzeln nachlesen. Passen die Symptome, die dort beschrieben sind, wirklich zu denen von Mona? Je genauer Beschreibung eines Arzneimittels auf die Symptome passt, umso wahrscheinlicher ist es, dass es helfen kann.

Ich lese mir die Husten- und Brustsymptome der Arzneimittel im Materia Medica-Teil von Jahrs "Handbuch der Hauptanzeigen" durch, beginnend mit Belladonna. Ich bin damit allerdings nicht so recht zufrieden. Auch die Symptome von Nux vomica geben die Symptomatik von Mona nicht gut wieder. Bei Ipecacuanha werde ich aber fündig! Dort steht unter anderem (nicht Zutreffendes ist gestrichen, Fettgedrucktes heißt: Diese Symptome sind für das Arzneimittel besonders charakteristisch.):

 

Luftröhrenentzündungen.
Trockner Husten von zusammenziehendem Kitzel im Kehlkopfe,
bis ins unterste Ende der Bronchien.
Trockner, erschütternder Krampfhusten mit Athemversetzung
bis zum Ersticken.
Schleimrasseln auf der Brust

 

Zur Sicherheit lese ich noch in einer anderen Arzneimittellehre nach, nämlich in der Materia Medica von C.M. Bogers "Synoptic Key". Diese Materia Medica listet vor allem die charakteristischsten Symptome von Arzneimitteln auf. Dort steht bei Ipecacuanha:

 

Anfälle von [...] unaufhörlichem oder ERSTICKENDEM Husten
LOCKERES (grobblasiges) RASSELN AUF DER BRUST,

OHNE AUSWURF

 

 Auch sehr fett gedruckt, also besonders charakteristisch!

 

Und in Bhanja's "Masterkey" finde ich bei Ipecacuanha genau die Art von Husten, die die kleine Mona plagt:


Obwohl die Brust voller Schleim zu sein scheint und so viele

feine Rasselgeräusche [...] zu beobachten sind, löst sich der

Schleim nicht beim Husten. [...] Dieses Keuchen resultiert aus

der grossen Menge von Schleim, der sich in der Brust angesammelt

hat und kaum ausgeworfen werden kann;

 

Ich entscheide mich also für Ipecacuanha und bin recht zuversichtlich, dass es helfen wird.

Es hätte aber genauso gut sein können, dass mir keines der in der Repertorisation vorgeschlagenen Arzneimittel passend erschienen wäre. Dann hätte es geheißen: Nochmal neu nachdenken, also entweder zurückgehen zu Arbeitsschritt 3 (Repertorisation), um passendere Rubriken zu finden, oder zurück zu Arbeitsschritt 2 (Analyse) und mich fragen, ob ich die falschen Symptome wichtig genommen habe. Oder ich hätte bei Mona und ihrer Mutter nochmal nachfragen müssen, weil ich vielleicht etwas falsch verstanden oder noch gar nicht erfragt habe - also Arbeitsschritt 1 (Anamnese).

 

Arbeitsschritt 5: Die Verschreibung & Beratung

Das passendste Arzneimittel wird verschrieben
(Bildquelle: JoBischPeuchet auf Pixabay)
Sobald ich ein passendes Arzneimittel gefunden habe, verschreibe ich dieses dem Patienten. 
Je nach Art der Beschwerden muss ich die Potenz, die Dosierung und die Häufigkeit der Einnahmen bestimmen. Im Fall von normalen Akuterkrankungen verschreibe ich üblicherweise eine C30-Potenz. Und weil bei Infekten das homöopathische Arzneimittel quasi gegen die Aktivität von Viren oder Bakterien arbeiten muss, lasse ich die Einnahme mehrmals wiederholen, um den homöopathischen Reiz öfter zu setzen. Dazu lasse ich 3 Globuli in etwa 100 ml Leitungswasser auflösen und davon mehrmals etwas einnehmen (sogenannte "fraktionierte Gabe").

Hätte es ein Heilungshindernis gegeben, dann hätte ich die Mutter dementsprechend beraten. Bei den meisten Patienten in meiner Heilpraxis geht es dabei um anhaltenden Stress. Das kann der ständige Druck in der Arbeit sein, der einen krank macht, genauso aber eine unglückliche Beziehung, in der sich ein Patient gefangen sieht. Manchmal können hier eine oder mehrere Beratungs- oder Coaching-Sitzungen nötig sein, um herauszufinden, wie der Patient seine Situation verbessern und so zu seiner Gesundheit beitragen kann. Auch das gehört zur Homöopathie!

In Monas Fall war also die Verschreibung: Ipecacuanha C30, 3 Globuli aufgelöst in 100 ml Leitungswasser, davon 2x täglich 1 TL. Vor der Einnahme muss die Lösung kräftig verkleppert werden. Die Mutter soll das der Kleinen drei Tage lang so geben, am dritten Tag telefonieren wir wieder.

 

Arbeitsschritt 6: Die Folgeanamnese (auch: Folgegespräch) & Verlaufsbeurteilung

In der Folgeanamnese entscheidet sich, ob das Arzneimittel gut war oder ein neues gefunden werden muss.
(Bildquelle: kmicican auf Pixabay)

Nach einer Verschreibung gilt es erst einmal abzuwarten. Ziel ist ja, dass der Körper durch das homöopathische Arzneimittel dazu angeregt wird, sich selbst zu heilen. Bei chronischen Krankheiten dauert es meiner Erfahrung nach meist 3-4 Wochen, bis man einen Effekt sehen kann. Bei Akuterkrankungen warte ich je nach Fall Stunden bis Tage ab, so wie es auch in diesem Fall ist. Nach dieser Zeit bespreche ich in der Folgeanamnese mit dem Patienten, wie der Krankheitsverlauf seit der Einnahme des homöopathischen Arzneimittels war: Sind die Beschwerden besser geworden? Haben sich Symptome verstärkt? Gibt es neue Symptome? Das Folgegespräch ist also im Grunde auch eine Anamnese, meist nur nicht mehr so umfangreich.

 

Dann muss beurteilt werden, was die Schilderung des Patienten bedeutet: Ist dieser Verlauf nun gut oder eher schlecht? Ich bewerte eine Besserung von innen nach außen und vom Destruktiven zum Nicht-Destruktiven als günstig. Wenn zum Beispiel ein Patient mit leichtem Anstrengungsasthma zu mir kommt und nach Gabe eines Homöopathikums Migräne bekommt (und die bisher noch nie hatte), dann ist das nicht gut. Das Mittel war dann falsch. Wenn bei einer Patientin die Arthrose besser geworden ist, aber die Akne im Gesicht schlimmer, dann ist das ein positiver Verlauf.

Aus dieser Verlaufsbeurteilung ergibt sich, ob wir abwarten und auf eine weitere Besserung vertrauen können oder ob ich nach einem besseren Arzneimittel suchen muss (dann wieder die Arbeitsschritte 2-5). Am einfachsten ist die Verlaufsbeurteilung natürlich, wenn alle Beschwerden schön von innen nach außen gegangen und dann verschwunden sind, der Patient also beschwerdefrei ist.

In Monas Fall fand das Folgegespräch am dritten Tag in Form eines Telefonats statt. Die Mutter erzählt mir: Es ist deutlich besser geworden! Sie hatte seit Einnahme von Ipecacuanha keine Hustenanfälle mehr. Sie macht nur noch gelegentlich einzelne Hustenstöße, immer drei hintereinander und noch mit etwas Rasseln. Das Husten tut ihr immer noch am Nabel weh - was ich als eine Art Muskelkater der Bauchmuskeln aufgrund der vorherigen Anfälle bewerte. Das Allgemeinbefinden ist immer noch sehr gut. Ich spreche mit Mona ein paar Minuten und sie wirkt klar und aufgeweckt. Während des ganzen Telefonats hat sie nicht ein einziges Mal gehustet. Neue Symptome gibt es nicht.

Der Verlauf ist also ein guter: Es gibt weniger Schleim, der Husten ist seltener geworden und verläuft nun nicht mehr anfallsweise.

An dieser Stelle muss man entscheiden: Gibt man das Arzneimittel weiter, bis die Beschwerden ganz verschwunden sind? Oder soll Mona mit der Einnahme aufhören und wir warten ab?

Da die Infekte zur Zeit ganz schön langwierig sind, entscheide ich mich dafür, dass Mona das Arzneimittel noch ein paar Tage weiter einnehmen soll. Die Mutter soll sich wieder melden, falls die Beschwerden nicht verschwinden. Das hat die Mutter nicht getan, insofern gehe ich davon aus, dass nun alles gut ist.

Damit ist diese Akut-Behandlung abgeschlossen.

 

Fazit

Wir haben gesehen: Klassische Homöopathie kann ganz schön präzise sein. Schon nach der ersten Verschreibung hat sich der schon zwei Wochen andauernde Husten innerhalb von drei Tagen deutlich gebessert.

Geht es immer so schnell, ein passendes Arzneimittel zu finden? Nein. Bei akuten Krankheiten wie grippalen Infekten mit Husten habe ich zwar dank zunehmender Berufserfahrung in der letzten Zeit fast immer im ersten oder zweiten Anlauf eine passende homöopathische Arznei gefunden. Aber bei chronischen Krankheiten brauchte ich bisher meist mehrere Anläufe, bis ich den Schlüssel zum Fall gefunden hatte.

 


Markus Dankesreiter, Heilpraktiker Klassische Homöopathie

Autor: Markus Dankesreiter, Heilpraktiker in Regensburg.

Spezialisiert auf Klassische Homöopathie, Genuine Homöopathie, Predictive Homoeopathy.

Ausbildung an einem SHZ-akkreditierten Lehrinstitut, Praxiserfahrung seit 2012.

Abgeschlossenes Studium der Physik (Diplom).


Hinweis: Dieser Artikel gibt meine Erfahrungen in der Praxis wieder und stellt keine allgemeine Therapieempfehlung dar. In der Wissenschaft ist Homöopathie bisher nicht als wirksame Therapie anerkannt. Bitte hier weiterlesen...