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Fallbeispiel: Frau mit Harnverhalt nach Entbindung


Wasserstrahl aus einem Steingefäß
(Bildquelle: Gerd Altmann auf Pixabay)

Die Patientin ist eine sehr freundliche Frau und unglaublich dankbar dafür, dass sie so schnell einen Termin bekommen hat. Ein sehr drängendes Problem plagt sie: Vor vier Wochen hat sie entbunden und seitdem enorme Probleme mit ihrer Blase.

 

Es war eine lange Geburt, das Töchterchen musste am Ende mit der Saugglocke geholt werden. Am Tag nach der Entbindung hatte die Mutter kein Gefühl mehr in der Harnblase und konnte beim Aufstehen den Urin nicht halten. Danach verkehrte sich dies ins totale Gegenteil: Es kamen nur noch ein paar Tropfen, dann gar nichts mehr. Sie kann nicht mehr urinieren - totaler Harnverhalt.

Seitdem - seit vier Wochen - leidet sie nun daran. Bei etwa zwei Drittel der Wöchnerinnen, die an Harnverhalt leiden, reguliert sich die Blase innerhalb von zwei Wochen wieder, bei einem weiteren Teil innerhalb von vier Wochen. Bei meiner Patientin ist eine Besserung aber noch nicht in Sicht, darum ist ihr empfohlen worden, es beim Heilpraktiker zu versuchen. Die Ärzte gehen davon aus, dass durch die Entbindung die Muskeln und Nerven in ihrem Beckenbereich völlig überdehnt worden sind und dies die Blasenstörung verursacht. Sie hat einen Bauchdeckenkatheter bekommen und soll Geduld haben und die Blase trainieren, damit sich Nerven und Muskeln wieder regenerieren.

Ich frage sie, ob sie Schmerzen hat. Nein, sagt sie, normalerweise keine Schmerzen. Nur wenn sie eine Blasenentzündung hat. Und die hatte sie seit Legen des Katheters schon zweimal. Sie wurden beide Male mit Antibiotika behandelt. Sie verspürt auch keinen Harndrang. Erst wenn schon über 1,5 Liter Urin in der Blase ist hat sie einen leichten Drang. Eine enorme Menge - normal wäre ein starker Harndrang schon bei 250-500 Milliliter! Sie kann dann mit viel Mühe etwas herauspressen, aber ohne Katheter geht es einfach nicht.

Gibt es weitere Symptome und Begleiterscheinungen, die seit der Entbindung aufgetaucht sind? Ja, erzählt sie. Als sie aus dem Krankenhaus kam, hatte der Milchfluss nachgelassen und sie musste zufüttern, aber jetzt kann sie wieder normal stillen. Ihre Verdauung war anfangs schwierig, aber das hat sich mittlerweile geregelt. Sie schwitzt nun sehr leicht und viel. Da reicht schon etwas Bewegung, schwüle Luft oder Aufregung. Und sie hat viel mehr Durst als noch während der Schwangerschaft. Ihre Stimmung ist wechselhaft, leicht gereizt. Sie wirkt auf mich auch recht gestresst.

Ich verschreibe ihr auf Basis ihrer aktuellen Symptome ein homöopathisches Arzneimittel und vereinbare mit ihr, dass wir in vier Tagen miteinander telefonieren.

Beim Telefonat erzählt sie dann, dass sie am Tag nach unserem Gespräch das homöopathische Arzneimittel von der Apotheke geholt und gleich eingenommen hat. Schon am Folgetag ging es ihr viel besser und der Katheter konnte entfernt werden! Sie muss zwar noch drücken, um Pinkeln zu können, aber es geht ganz gut. Allerdings hat sie wieder eine Blasenentzündung bekommen und muss Antibiotika einnehmen. Wir sind beide ganz glücklich, dass der Harnverhalt nun heilt und warten erst mal ab.

Knapp zwei Wochen später erzählt sie mir, dass sie gut Urinieren kann. Seit einer Vaginaluntersuchung hat sie aber das Gefühl, dass im Beckenbereich wieder alles gereizt ist. Da ist so ein Drücken und Brennen. Die Blase selbst fühlt sich wieder so an, als stehe sie kurz vor einer Blasenentzündung. Stimmungsmäßig fühlt sie sich wie im Hamsterrad: total überreizt, angespannt und überdreht. Sie hat Angst vor einem Rückfall. Das homöopathische Arzneimittel hat sie auf eigene Faust nochmal eingenommen, aber es hat gegen diesen Zustand nicht geholfen.

Ich habe eine Vermutung und frage sie, ob die lange Geburt für sie wie ein Schock oder ein traumatisches Erlebnis gewesen sei. Sie verneint zuerst, denkt dann aber nochmal darüber nach. Schließlich meint sie, dass die Geburt selbst nicht traumatisch gewesen ist. Aber das Legen des Dauerkatheters hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Seitdem befindet sie sich in einem Erregungszustand. Für mich ist nun wichtig, erst mal diesen Erregungszustand anzugehen, bevor wir uns weiter um die Blasenstörung kümmern. Ich verschreibe ihr deswegen ein homöopathisches Mittel gegen das Trauma.

Eine Woche später telefonieren wir wieder. Sie erzählt, dass dieses Stressgefühl fast ganz verschwunden ist. Nach der ersten Einnahme war sie gleich viel ruhiger. Wenn der Stress wiederkam, hat sie das Arzneimittel nochmal eingenommen und jedesmal ging es ihr danach besser - es ist ihr "Runterbring-Mittel" geworden. Die Blase ist zwar noch gereizt, aber sie macht sich darüber keine Sorgen mehr. Der Stress ist nun also kein Thema mehr und ich verschreibe ihr ein neues homöopathisches Arzneimittel für die Blase.

Zehn Tage später berichtet sie, dass sie zwischenzeitlich eine starke Erkältung hatte, aber die Blasenprobleme nun verschwunden sind. Keine Schmerzen mehr! Insgesamt geht es ihr gut. Wir beenden die Behandlung und vereinbaren, dass sie sich bei Bedarf jederzeit melden kann.

Dieser Fall zeigt einen Verlauf, wie ich ihn bei erfolgreichen homöopathischen Behandlungen relativ häufig sehe: eine Heilung von innen nach außen. Erst der Harnverhalt, bei dem offenbar auch die Nerven betroffen waren, sonst hätte die Patientin einen Harndrang verspürt. Als der Harnverhalt verschwand, traten die Blasenreizungen und -entzündungen in den Vordergrund, hier war die Blasen- und die Vaginalschleimhaut betroffen. Mit dem letzten Mittel hat sich das Geschehen mit der Erkältung von der Blase auf die oberen Atemwege verlegt und heilte von selbst aus.

Das Hauptproblem, der Harnverhalt, legte sich schon nach einem Tag. Die gesamte Behandlung hat fünf Wochen gedauert.

 


Hinweis:

Dieser Fallbericht gibt die reale Erfahrung einer Patientin in meiner Praxis wieder und stellt keine allgemeine Therapieempfehlung dar. In der Wissenschaft ist Homöopathie bisher nicht als wirksame Therapie anerkannt. Bitte hier weiterlesen...