Ich bin erschüttert.
Deshalb musste ich diesen Artikel schreiben.
Er handelt nicht von Homöopathie. Er handelt von der Tatsache, dass Worte schaden können - vor allem die Worte eines Arztes oder Heilpraktikers. Und umgekehrt davon, dass Worte zum
Gesundungsprozess beitragen können.
Diagnoseschock
Es geht um einen meiner Patienten, 80 Jahre alt. Der Mann hatte seit über einem Monat ein schnell auftretendes Völlegefühl, konnte immer weniger essen und wurde schließlich mit plötzlich auftretenden, starken Oberbauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht. Im Krankenhaus begann eine Reihe von Untersuchungen: Blutabnahmen, Röntgen, Endoskopie - das volle Programm. Die Ärzte hatten einige Mühe, die Ursache dieser Symptome zu finden. Dabei erklärte niemand dem Patienten, was gerade geschah, warum diese Untersuchungen gemacht wurden und was der aktuelle Erkenntnisstand war. Der Mann kam sich wie jemand vor, über den man beliebig verfügt. Er fühlte sich hilflos, ausgeliefert und gestresst.
Schließlich, am Ende des 4-tägigen Untersuchungsmarathons, dann die Diagnose: Pankreaskarzinom.
Der Patient war schockiert.
Schock durch Worte
Er wusste, dass dies eine wirklich schwere Diagnose war. Er fragte den Arzt, ob man da nichts machen könne. Dessen Antwort: "Es gibt schon eine Operation, aber die würden Sie nicht überleben. Und in Ihrem Alter bringt's das sowieso nicht mehr."
Für den Patienten klang das wie ein Todesurteil. Er versank in Hoffnungslosigkeit und Angst vor dem Sterben. Wenige Tage später wurde er nach Hause entlassen.
Ich durfte ihn für eine Weile begleiten und er erzählte mir die ganze Geschichte. Ich war entsetzt.
Die Macht der Worte
Wir Behandler - egal ob Arzt oder Heilpraktiker - haben eine große Verantwortung: Unseren Worten wird Gewicht beigemessen und darum haben sie Macht. Daher sollten wir bewusst und achtsam kommunizieren und unsere Worte mit Sorgfalt wählen.
Fehlende Kommunikation - wie hier in diesem Fall - lässt Patienten im Unklaren darüber, was mit ihnen gemacht wird und wozu das gut ist. Sie werden dadurch zu passiv Duldenden, die dazu neigen,
das durch die fehlende Kommunikation entstehende Verständnis-Vakuum mit Angst-Szenarien zu füllen. Verständliche Erklärungen hingegen geben Patienten die Möglichkeit, zum aktiven Beteiligten zu
werden, das Geschehen für sich einzuordnen und so das Gefühl des Kontrollverlusts zu mildern.
Schock-Diagnosen ohne weitere Erklärungen oder gar mit entmutigenden Ergänzungen wie oben werden zum Diagnose-Schock mit oftmals verheerender Wirkung auf Psyche und Nervensystem des Patienten:
Angst und ein Gefühl von Hilflosigkeit machen sich im Patienten breit, im schlimmsten Fall Resignation - keine guten Voraussetzungen für Besserung oder gar Heilung. Diagnose-Schocks lassen sich
bei schweren Diagnosen leider nicht immer vermeiden. Aber sie lassen sich mit geeigneter Kommunikation oft lindern und in einigen Fällen auch in beherztes, gesundheitsförderliches Handeln
umwandeln.
Diese gesundheitsförderliche Art der Kommunikation - verständliches, empathisches Erklären, Beteiligen des Patienten und eine auf das Positive ausgerichtete und aktivierende Wortwahl ohne
Verschweigen der Fakten - meine ich, wenn ich von "Therapeutischer Kommunikation" spreche.
Ich durfte meinen resignierenden Patienten nach diesem Krankenhausaufenthalt für eine Weile begleiten. Ich versuchte ihm zu vermitteln, dass es auch bei Pankreaskrebs einen kleinen Prozentsatz von Patienten gibt, die länger als 5 Jahre
überleben und dass ich gerne meinen Teil dazu beitragen würde, dass er zu diesem Prozentsatz gehört.
Ungenügende Beratung verhindert informierte Entscheidung
Nach zwei Wochen kam ein Anruf vom Krankenhaus: Man könne doch operieren, eine sogenannte "Whipple-Operation".
Der Patient sah die Chance, die die OP ihm bot, und nahm den zugehörigen Beratungstermin in Begleitung seiner Ehefrau wahr. Was den beiden dort erklärt wurde, hinterließ bei ihnen den folgenden
Eindruck: Nach der OP muss der Mann 14 Tage im Krankenhaus bleiben, darf dann nach Hause, muss zwar ab dann ein Leben lang Enzyme einnehmen, kann aber relativ normal essen und ein normales Leben
führen. Das klang wunderbar und der Mann entschied sich für die OP.
Das Problem: Der geschilderte Eindruck entsprach einem sehr günstigen Verlauf. Auf mögliche Belastungen, Komplikationen und eine möglicherweise langwierige Genesung waren der Patient und seine
Frau offenbar nicht vorbereitet. Seine Entscheidung basierte somit nicht auf einem realistischen Bild der möglichen Chancen und Risiken.
Nach der OP folgten Monate mit Schmerzen, Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Abmagerung und Schwäche. Ein normales Leben war in weiter Ferne und der Patient verbrachte seine Tage im Liegen.
Eine verständliche Aufklärung hätte dem Patienten helfen können zu erkennen, dass sein Zustand und die langsame Genesung von der OP normal waren. So aber haderte er mit seiner Entscheidung, mit
dem Leben, mit allem.
Nicht ohne Grund räumt das Patientenrechtegesetz Patienten
das Recht auf verständliche Aufklärung und auf eine informierte Entscheidung ein. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt dazu: "Als Patientin oder Patient
haben Sie aber Anspruch auf eine angemessene und verständliche Aufklärung und Beratung [...]".
Das Wort "verständlich" ist dabei entscheidend: Wir Behandler müssen uns vielleicht hin und wieder bewusst machen, dass Patienten keine medizinischen Fachleute sind. Sie sind darauf angewiesen,
dass ihnen alles, was sie betrifft, in für sie verständlichen Begriffen erklärt wird. Noch dazu stehen Patienten mit schweren Diagnosen in der Regel unter starkem Stress und können nicht alles
beim ersten Hören verarbeiten. Als Behandler muss man das wissen und sich entsprechend darauf einstellen. Nur wenn der Patient die Folgen einer therapeutischen Maßnahme versteht, kann er darüber
auch eine informierte Entscheidung treffen.
Das war bei meinem Patienten leider schiefgelaufen.
Der nächste Schock
Bei einem Kontrolltermin im Krankenhaus vier Wochen nach der Operation erfolgte eine kurze Sichtkontrolle der Wunde. Dann folgte ein Satz, der meinen Patienten völlig unvorbereitet traf: "Und jetzt müssen wir mit der Chemotherapie beginnen."
Bisher war von Chemotherapie nie die Rede gewesen. Der Patient fragte vorsichtig nach: "Und wenn ich keine Chemotherapie mache?" Die Antwort des Arztes: "Dann geht es bergab."
Für den Patienten war das wie ein zweiter Diagnose-Schock. Wieder so ein Satz, der in den Ohren meines Patienten wie ein Todesurteil klang. Hoffnungslos und voller Angst verließ der Mann das
Krankenhaus. Zuhause betrachtete er das Blatt mit den Therapieempfehlungen, das ihm mitgegeben worden war. Dort stand: „Palliative Chemotherapie“. Der Mann wusste, was „palliativ“ bedeutet: Keine
Heilung mehr möglich. Doch es war nicht unbedingt das Wort selbst das Problem, denn der Patient hatte ein Recht darauf, das Therapieziel zu erfahren. Aus meiner Sicht war das Problem, dass er
diese schwerwiegende Information auf einem Blatt lesen musste, ohne dass sie ihm zuvor in einem einfühlsamen Gespräch erläutert worden war.
Es brauchte wieder eine Reihe von Gesprächen, bis er seine Angst zumindest teilweise überwinden und sich wieder etwas mehr dem Leben und den Maßnahmen zur Linderung seiner Beschwerden zuwenden
konnte. Denn die Operationsfolgen beeinträchtigten sein Leben weiterhin sehr stark.
Leider ging es in dieser Art weiter: Bei einem weiteren Krankenhausaufenthalt kamen zwei im Krankenhaus erworbene Infektionen hinzu. Damit verbunden waren wieder häufige Untersuchungen,
Medikamentengaben und Infusionen bis weit in die Nacht hinein - häufig, ohne dass dem Mann erklärt wurde, was geschah und was der Zweck war. Für ihn war das purer Stress. Natürlich war auch das
Krankenhauspersonal im Stress, daher ist deren Handeln und Nichtkommunizieren nachvollziehbar.
Aber heilsam ist es nicht.
Warum Therapeutische Kommunikation so wichtig ist
Warum erzähle ich Ihnen das alles?
Nicht, weil ich dieses Krankenhaus anprangern will. Ich fürchte, dass es in vielen Krankenhäusern und teils auch in vielen Praxen so abläuft. Zumindest erzählen mir meine Patienten immer wieder
von diesbezüglichen Erfahrungen. Und ich fürchte, dass auch ich gegenüber meinen Patienten kommunikative Fehler gemacht und bei ihnen Angst hervorgerufen habe.
Ich erzähle Ihnen diese Fallgeschichte, weil sie zeigt, was kommunikativ schieflaufen kann und was wir als Behandler besser machen können.
Ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Art, wie Ärzte, Heilpraktiker und andere Angehörige von Heilberufen mit ihren Patienten sprechen, deren Gesundheit schaden oder nützen kann.
Damit beschäftigt sich die Therapeutische Kommunikation. Dabei umfasst Therapeutische Kommunikation viel mehr, als ich in diesem Artikel thematisiere - und zwar nicht nur unsere Sprache, sondern
auch unsere nonverbale Kommunikation.
Ich möchte die wichtigsten Erkenntnisse aus der Fallgeschichte dieses Patienten in drei Punkten zusammenfassen:
- Behandler sollten verständlich erklären, was sie tun und warum. Ein Patient ist kein Objekt, über das man beliebig verfügen kann. Ein Patient ist ein selbstbestimmter Mensch mit Rechten und mit einer Privatsphäre. Wir Behandler dringen naturgemäß in die Privatsphäre unserer Patienten und in vielen Fällen sogar in ihren Körper ein - also sollten wir besonders stark darauf achten, dass wir unsere Patienten respektvoll behandeln und ihre Grenzen achten. Zum Respekt gehört auch, dass wir dem Patienten die Untersuchung, die aktuellen Behandlungsschritte und den aktuellen Stand erklären, kurz: ihn an seiner eigenen Behandlung beteiligen. Kommunikation kann Ohnmachtsgefühle und Stress reduzieren - wenn wir die richtigen Worte wählen. Damit sind wir beim zweiten Punkt:
- Nicht schaden, auch nicht mit Worten. Für medizinisches Handeln gilt der Grundsatz "Zuallererst nicht schaden" (im lateinischen Original: "Primum non nocere"). Das gilt auch für unsere Kommunikation, gerade beim Mitteilen von schweren Diagnosen.
- Nur verständliche Beratungen führen zu informierten Entscheidungen. Mein Eindruck ist, dass die Beratungen vor Operationen und anderen risikobehafteten Therapien in den letzten Jahren in vielen Praxen und Krankenhäusern besser geworden sind. Und doch gibt es in einigen therapeutischen Einrichtungen hierzu noch Nachholbedarf, wie die Geschichte meines Patienten zeigt.
Warum uns manchmal die richtigen Worte fehlen
Wir als Behandler können uns auch fragen, warum wir manchmal auf ungute Art kommunizieren:
- Vielleicht sind wir unter Zeitdruck und bringen daher nicht genügend Achtsamkeit für unsere Kommunikation auf.
- Vielleicht sind wir selbst gerade - aus welchen Gründen auch immer - gestresst und sehen nur das Negative, sodass uns ermutigende Formulierungen nicht einfallen.
- Vielleicht haben wir Angst um den Patienten und geben diese Angst dem Patienten weiter, damit er auch wirklich die Entscheidung fällt, die wir für richtig halten.
- Vielleicht ist unser Mitgefühl mit unseren Patienten so belastend, dass wir unser Herz verschließen und deswegen kein Gespür für unsere eigene Wortwahl haben.
Vielleicht sind wir aber auch schlicht ungeübt darin, heilsam zu kommunizieren und darauf zu achten, wie unsere Worte beim Gegenüber ankommen.
Fazit
Therapeutische Kommunikation beschönigt die Situation nicht und weckt keine falschen Hoffnungen. Sie vermittelt die Wahrheit so, dass sie verstanden und leichter verarbeitet werden kann. Sie lenkt den Fokus des Patienten auf seine Chancen und Möglichkeiten, kann seine Motivation und Handlungsfähigkeit fördern und so günstigere Voraussetzungen für den Heilungsprozess schaffen.
Damit wird Therapeutische Kommunikation zum Teil der Behandlung.
Ermutigend ist: Therapeutische Kommunikation kann man lernen. Ich hatte die Gelegenheit, an einer Fortbildung bei Prof. Dr. Hartmut Schröder, dem ehemaligen Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für
Therapeutische Kommunikation, teilzunehmen und durfte dort erfahren, dass heilsames Kommunizieren eigentlich zu den Kernkompetenzen aller Heilberufe gehört. Seine Arbeit zeigt, wie wir
empathischer und heilsamer kommunizieren können.
An vielen medizinischen Fakultäten in den USA ist heute die Förderung von Empathie und Kommunikation integraler Bestandteil der ärztlichen Ausbildung. In Deutschland hätte dieses Fachgebiet
wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Daher halte ich es für unverzichtbar, Therapeutische Kommunikation und die Förderung von Empathie zum festen Bestandteil der Ausbildung von Ärzten,
Heilpraktikern und Angehörigen anderer Heilberufe zu machen.
Die Geschichte dieses Patienten beschäftigt mich noch immer. Sie spornt mich an, noch bewusster auf meine Worte und auf die Haltung hinter meinen Worten zu achten.
Denn Worte sind mächtig.
Meine ebenso wie Ihre.
Autor: Markus Dankesreiter, Heilpraktiker in Regensburg & Diplom-Physiker
Praxis seit 2012
Spezialisiert auf Klassische Homöopathie, Genuine Homöopathie, Predictive Homoeopathy
Homöopathiezertifikat Nr. 1081 der SQhT (Stiftung für Qualität in der homöopathischen
Therapie)
Aktives Mitglied Nr. 2157 des VKHD (Verband Klassischer Homöopathen Deutschlands e.V.)
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